Evangelische Kirchengemeinde Rüdesheim am Rhein

"Älteste Evangelische Kirche im Rheingau"


Liebe Gemeinde, 

ein Bibelwort begleitet mich in dieser besonderen Zeit. Ein Vers aus dem Buch Jesaja:

 „Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ 

Als ich den heute grünen Waldweg im vergangenen Jahr im November gegangen bin, war alles grau und in Nebel gehüllt. Es war zudem kalt und nass und so kehrte ich viel früher um, als ich mir eigentlich vorgenommen hatte. Beim nächsten Spaziergang lag auf der Höhe etwas Schnee und ich kam fast oben an. Und dann, beim dritten Mal, sah ich das erste Grün. Und irgendwann ging ich den Weg bis zur Höhe und zur letzten Biegung. Ich blickte zurück, war dankbar, es geschafft zu haben- und machte mich auf den Heimweg. So gehe ich diesen Weg nun jeden späten Nachmittag. Freue mich am Wind und an den Bäumen, an den Geräuschen des Waldes und an der Stille und daran, dass ich diesen Weg gehen kann. Manchmal schaue ich in einen stillen Pfad hinein und dann huscht ein Tier über diesen Weg.

 In diesen Tagen, wo ein Virus unser Leben beeinflusst und prägt, haben wir alle unsere Wege zu gehen. Vieles, was vorher gemeinsam möglich war, ist nun nicht mehr möglich oder sogar verboten. Viele Menschen sind allein Zu Hause oder im Krankenhaus oder in einem Altersheim und Pflegeheim.  Viele Familienmitglieder und manche Freunde oder Nachbarn sehen wir nur dann, wenn wir aus dem Fenster schauen oder uns im Geschäft beim Einkauf zuwinken.

Aber wir alle sind dennoch miteinander verbunden durch den Glauben an Jesus Christus. Unser Glaube ist uns nicht genommen. Er hilft sogar, dass wir diese schweren Zeiten überstehen. Und wenn ich am Sonntag einen Gottesdienst im Fernsehen miterlebe, weiß ich, dass dies zur gleichen Zeit viele andere Christen in ihren Wohnzimmern tun. Auch das verbindet. Ebenso die Gespräche am Telefon oder eine gute Mailnachricht oder sogar ein Brief, den ich erhalte.

 Im Sommer, liebe Gemeinde, wird mich mein Weg als Pfarrerin in zwei neue Kirchengemeinden führen. Ich wurde zur Pfarrerin der Kirchengemeinden Kaub / Lorch und Weisel/ Dörscheid gewählt und werde dann auch nach Weisel ziehen.

Ich freue mich, dass sich für mich dieser neue Weg eröffnet hat, bin zugleich aber auch traurig, dass ich viele meiner Gemeindeglieder nicht mehr sehen und in den Gottesdiensten antreffen kann und mich auch nicht persönlich verabschieden kann.

 Als Kirchenvorstand überlegen wir zurzeit gemeinsam, wann die Kirche zu Gottesdiensten und stillem Gebet wieder geöffnet wird. Vieles ist dabei zu bedenken. Aber es wird möglich, dessen bin ich gewiss und zuversichtlich.

 Gott segne und behüte Sie, liebe Gemeinde

 Ihre Pfarrerin

Christina Roepke-Keidel, im Mai 2020