Evangelische Kirchengemeinde Rüdesheim am Rhein

"Älteste Evangelische Kirche im Rheingau"


3. Gospelworshop in Laufenselden


Lesen Sie hier die Predigt, die Pfrin. Kiworr-Ruppenthal anlässlich ihrer Amtseinführung in den Dienst als Pfarrerin für Hospizarbeit und Krankenhausseelsorge im Dekanat Rheingau-Taunus am 19. September 2021 in 

St. Jakobus zu Rüdesheim hielt:  

Predigttext: Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium. (2. Timotheus 1,10b)

Liebe Gemeinde:

Der Tod bleibt ein Ärgernis. Für uns alle.

Der Tod bleibt ein Ärgernis. In der Geschichte, die wir als  Evangelium hörten, sind sich zwei Schwestern, die doch sehr unterschiedlich sind, ganz einig: Der Tod von unserem Bruder soll nicht sein.

Der Tod bleibt ein Ärgernis. Und in dieser Geschichte, da wird es ganz pragmatisch angegangen: Jesus kommt, Menschen wie Marta und Maria gehören zu denen, die alles von ihm erwarten und ihm ganz und gar vertrauen, er ist kaum zur Tür rein, da sagen sie: DU allein kannst hier helfen. Und Jesus geht drauf ein. Er kommt zwar etwas spät, das muss er sich auch sagen lassen. „Wenn Du hier gewesen wärst, dann wäre das erst gar nicht passiert.“ Tod und Vorwürfe gehören oft zusammen. Aber er kriegt noch die Kurve – AUCH  vier Tagen nach dem Tod des Lazarus lässt er sich bewegen, auf der Basis des Vertrauens, das ihm hier entgegenschlägt, ein solches Wunder zu vollbringen. Lazarus, der schon stinkt, das betont der Evangelist extra um zu zeigen, was für ein unglaubliches Wunder das ist - Lazarus ersteht wieder auf. Der Tod bleibt ärgerlich –aber für Maria und Marta und ihren Bruder ist er erstmal wieder vom Tisch, Jesus sei Dank.

Der Tod, das merken wir gerade in einer Pandemie, die nicht aufhören will, bleibt ein Ärgernis. Eine unberechenbare Krankheit, hochansteckend und zu oft auch mit tödlichem Ausgang, Nachrichten, die seit letztem März auf einmal bei uns standardmäßig von Todesfällen durch eine Krankheit berichten, Bilder von Intensivstationen und Begräbnissen. Und dann dieses Jahr noch zusätzlich: Tote durch eine Flutkatastrophe in Deutschland. wo wir uns vorher sicher fühlten, wo man selten solche Bilder sah.   

Der Tod bleibt ein Ärgernis. Er kommt immer zur Unzeit, entweder zu früh oder zu spät, selten so, wie man es sich wünscht und da ist meist keiner, der das erwünschte Wunder vollbringen kann. Der Tod bleibt ein Ärgernis auch für Christen. In unserem Ausbildungskurs erzählte eine Teilnehmerin letzte Woche, dass ein geistlicher Begleiter sie nach dem Tod einer geliebten Person fragte: Warum bist du denn traurig? Er wollte wohl sagen: Wir Christen glauben doch an etwas danach, kein Grund also zur Traurigkeit. Aber natürlich dürfen und müssen auch Christen trauern dürfen!

Der Tod bleibt schmerzhaft, grausam, ein Ärgernis auch für Christen.

Sonst müsste diese Geschichte gar nicht erzählt werden. Marta sagt ja: An die Auferstehung am jüngsten Tag glaube ich. Aber das hilft ihr wenig hier und heute. Jetzt will sie ihren Bruder zurückhaben, jetzt tut es weh. Sie will noch Zeit auf DIESER Erde. Liebe Gemeinde: Für mich ist diese Geschichte von Lazarus eine ziemliche Herausforderung. Weil sie mir zwar einen wunderbaren und wunderwirkenden Jesus zeigt, der den Kummer seiner Freunde ernstnimmt.

Aber zugleich zeigt sie, was wir nicht können, wie oft die Steine vor dem Grab liegen bleiben, wie oft ich Zweifel habe.  Wie oft auch die moderne Medizin an ihre Grenzen stößt. Und sie zeigt mir -  der Tod bleibt ein Ärgernis. Der Tod beschäftigt uns – viele von uns auch beruflich. Und in unserem Hospizdienst und auch im Krankenhaus haben wir dabei mindestens zwei Aufgaben:

Da, wo der Tod noch nicht dran ist, helfen und heilen, vermitteln und stärken. Und da, wo es wirklich ans Sterben geht, eigentlich genau dasselbe: Helfen und Heilen  - nicht mehr im Sinne von Lebensverlängerung, sondern Heilen der Seele, der Angst, der Unsicherheit und Symptome; und Vermitteln, und eine andere Hoffnung stärken.  

So ärgerlich der Tod ist – er gehört zum Leben. Für den würdevollen Umgang mit dem Sterben steht die Hospizidee. Und manchmal darf er auch als Erlösung kommen. Viel hängt von der Frage ab: Wie gehen wir damit um, dass der Tod so ein Ärgernis, so ein Schmerz, so eine Herausforderung ist? Und wie können wir Sterbenden und denen, die einen Verlust erleben, Würde, Hoffnung und Verständnis geben? In einer Gesellschaft, die auch in und nach einer Pandemie wieder den Tod verdrängen wird, in der viele Menschen dieses Thema negieren.

Liebe Gemeinde –  da sind WIR gefragt, jede/r Einzelne von uns, mit unseren eigenen Schmerzen, unserer Angst und Erfahrungen mit dem Tod, aber auch mit unserem Verdrängen, welches ganz menschlich ist: Wie gehen WIR heute damit um? Der Tod bleibt ein Ärgernis, aber er bleibt. Und wenn etwas CHRISTLICH ist, dann doch das:

Wir schauen dem Tod ins Gesicht. Wir treten dem Tod entgegen mit einer Hoffnung, die wir seit Ostern haben dürfen.

Ich möchte kurz von zwei Erfahrungen in den letzten Monaten berichten, die mich in dieser Hinsicht bewegt haben. Das eine war eine Karte, die mich am Anfang der Pandemie erreicht hat: eine Karte  mit einem Vogel darauf und den Worten Alles wird gut!  Die Karte war von meinem Cousin in Berlin, ein nüchterner Historiker, der mir selten schreibt. Der sehr nett, aber sehr sachlich ist. Und dann so was in einer schlimmen Zeit, wo wir auch in der Mainzer Uniklinik ziemlich zu kämpfen hatten. Patienten die nicht besucht werden dürfen, Personal am Anschlag, Angehörige in höchster Not, Menschen sterben und kämpfen allein.

Wir Seelsorger oft ratlos: wie Nähe spenden und Trost unter diesen Bedingungen? Und dann: ALLES WIRD GUT?  Am schlimmsten ist dieser Satz oft angesichts eines Todes. Wenn ich selber in Trauer war oder andere erlebte –  da denke ich: Bitte nicht so was sagen! Wenn so ein Satz an Menschen gerichtet wird, für die nichts gut ist und auch nicht in absehbarer Zeit gut werden wird. Menschen mit schwerer Krankheit, in seelischer Not oder in Trauer, die hören müssen: Die Zeit heilt alle Wunden, oder: Du musst wieder positiv denken, oder „alles wird gut“ -  Sätze, die wehtun können.  

Ich habe diese Karte von meinem Cousin immer wieder angeschaut. Und ich wusste: SO meint er es nicht - sondern als trotzigen Widerstand gegen panische Klopapierkäufer und Querdenker und Mutlose, gegen die Unsicherheit.

Als Appell: jetzt müssen wir zusammenhalten, und das Gute fördern – damit „alles gut wird“- So wie Menschen in der Flutkatastrophe das wohl auch manchmal gesagt bekamen, „alles wird gut“: Aber annehmen kann man das nur von Menschen, die selber betroffen sind, die mit angepackt haben, die als Helfer und Notfallseelsorger, als Spender usw. tatkräftig beitragen, dass ETWAS wieder gut wird. Die Karte „Alles wird gut“   - auch wenn ich den Satz nie mochte: sie hat mir in Pandemie und eigenen Krisen geholfen, durchzuhalten.

Und die zweite Erfahrung:

An diesem Ostern in einer – im Lockdown - leeren Krankenhauskapelle das Osterevangelium zu verkündigen und danach zu einer Sterbenden auf die Palliativstation zu gehen. Diese Frau war mir sehr ans Herz gewachsen und wir hatten uns über so vieles ausgetauscht, den Klang ihrer leisen Stimme habe ich jetzt noch im Ohr. Ich wollte nicht, dass sie stirbt, ganz egoistisch. ich hatte das Gefühl, es gibt noch so viel miteinander zu teilen.  Wir brauchen noch Zeit. Sie konnte ja nicht mehr sprechen am Ende. Ihre Söhne konnten an dem Tag nicht kommen und ich fragte mich, ob sie so weit sei. Ich blieb an diesem Ostersonntag viele Stunden und es war klar, sie war so weit, sie verstarb am Osterfest. Und das letzte Gebet an ihrem Totenbett waren neben dem Vaterunser die ihr sehr liebgewordenen Worte von Bonhoeffer: Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost , was kommen mag, Gott ist bei uns, am Abend und am Morgen, und ganz gewiss am jeden neuen Tag… ORGEL–  Liebe Gemeinde: Dass einer, der so Schweres durchmachen musste wie Dietrich Bonhoeffer solche Worte finden konnte, dass einer, den die Nazis im KZ hinrichteten und vorher schon mundtot machen wollten, heute noch gelesen und gehört und gesungen wird - das ist für mich fast ein ebenso großes Wunder wie das Lazaruswunder. Ein Wunder, dass ein solcher Mensch an Gott festhält.  Ich kann Menschen verstehen, die in tiefstem Leid den Glauben zu verlieren drohen, die Suchende und Untröstliche geworden sind. Ich kann verstehen, dass heute viele jüngere keinen Zugang zum Auferstehungsglauben mehr finden in einer Welt, die ganz auf das Diesseits setzt.  

Doch die Worte Von Guten Mächten wunderbar geborgen, die rühren auch Zweifelnde an. Worte von einem Menschen, der tiefste Zweifel und zugleich tiefes Vertrauen ausdrücken konnte. Einer, der anders als Maria und Marta nicht das erhoffte Wunder erlebt hat. Wie oft muss er im Widerstand gebetet haben, dass der Alptraum mit Hitler wie durch ein Wunder zu Ende sein möge. Bonhoeffer wusste nur zu gut, was alles nicht gut ist, und hielt doch fest: Mit Gottes Hilfe wird alles gut.

Wir aber brauchen Mut zum Widerspruch, zum Widerstand, zum trotzigen Hoffen, zum Glauben. Widerstand gegen todbringende Kräfte in der Welt, um eine menschenfreundlichere Gesellschaft im Geiste Jesu mitzugestalten –

Wir brauchen die Haltung, die sagt: So wie es manchen Menschen geht, im Leben und im Sterben, so muss es nicht bleiben. Irgendwann kommt zwar der Tod, der letzte Feind, wie ihn die Bibel nennt. GENAU da können wir Beistand und Hoffnung gebe. Genau da zu spüren, dass wir dem Tod nicht allein ins Gesicht schauen, sondern miteinander und mit Gott. Mit Gott, mit dem wir manchmal hadern und dem wir oft klagen. Der rätselhaft bleibt.

Leid und Tod werden wir nie erklären können. In Jesus, seinem Sohn, werden die Rätsel zwar nicht gelöst  - aber es wird uns der Halt, die Liebe und die Hoffnung zuteil, die wir brauchen, auch um andere zu begleiten.  

Die Hoffnung, die besagt: Der Tod bleibt ein Ärgernis – aber er hat nicht das letzte Wort.

Diese Hoffnung ist unser größter Schatz!!

Nicht die schwindenden Mitgliederzahlen müssen uns in der Kirche die größte Sorge machen, sondern unsere eigene Müdigkeit, diesen Schatz zu kennen und zu teilen. Das Evangelium zu leben.  Das Überleben als Kirchen erreichen wir wohl nicht durch Sitzungsmarathons, viel gedrucktem Papier und verzweifelten Strukturdebatten. Sondern nur, wenn wir Botschafter des Lebens und der Liebe, von Vergebung und Hoffnung werden. 

Wenn wir Tag für Tag den Schatz zu heben, der uns anvertraut ist: die tiefste Hoffnung, die man haben kann. Dann wirken die Worte „Alles wird gut“ nicht mehr banal!  Die Karte von meinem Cousin habe ich auf meinen Schreibtisch gestellt und sie tröstet mich auch heute. So wie Bonhoeffer es formuliert hat: Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Mögen wir uns daran erinnern und das täglich neu erfahren: Durch JESUS CHRISTUS, unseren Auferstandenen Herrn  -

AMEN.